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Ich bin nicht unhöflich. Ich habe nur keinen Platz mehr.

Der Schlag der Unsichtbarkeit 07

19 min readJun 29, 2026

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Der Scanner piept, bevor ich richtig da bin.

So fühlt es sich zumindest an.

Eigentlich stehe ich schon seit kurz vor sieben im Laden.

Jacke hinten aufgehängt.

Handtasche ins Fach.

Arbeitsshirt drüber.

Namensschild dran.

Haare einmal festgemacht, weil sie sonst im Gesicht hängen.

Kaffee aus dem Automaten, halb getrunken, dann irgendwo stehen gelassen.

Wahrscheinlich im Pausenraum.

Vielleicht auch hinten bei der Leergutannahme.

Keine Ahnung.

Kaffee wird bei uns selten leer.

Der Laden ist morgens anders als nachmittags.

Morgens riecht er noch nach Pappe.

Nach frischem Brot.

Nach Bodenreiniger.

Nach diesem kalten Luftzug aus der Kühlung, der sofort in die Knochen geht, wenn man nicht aufpasst.

Die Regale sehen kurz so aus, als hätte jemand alles im Griff.

Das hält ungefähr zwanzig Minuten.

Dann fehlt irgendwo die Butter.

Dann steht bei den Tomaten eine offene Packung Kekse.

Dann liegt ein Joghurt zwischen den Zeitschriften.

Dann fragt jemand, ob wir noch das Angebot haben.

Dann klingelt die Kasse.

Dann kommt die erste Reklamation.

Dann ist Tag.

Ich sitze an Kasse zwei.

Kasse zwei zieht ein bisschen.

Ich weiß nicht, woher.

Seit Jahren schon.

Wenn man lange genug in einem Laden arbeitet, kennt man solche Sachen.

Welche Kasse zieht.

Welche Schublade klemmt.

Welcher Scanner manchmal so tut, als hätte er das Produkt persönlich gegen sich.

Welche Kundin immer Kleingeld sucht.

Welcher Herr sich jedes Mal beschwert, dass die Brötchen früher größer waren.

Welche Kollegin sagt, sie kommt gleich, und dann ist gleich eher ein Lebensabschnitt.

Man weiß das.

Man merkt sich das nicht extra.

Es ist einfach irgendwann drin.

Wie die Nummer für Bananen.

Wie die Taste für Pfand.

Wie der Griff nach der Tüte, bevor der Kunde überhaupt fragt.

Ich sitze auf dem Kassenstuhl und schiebe die erste Ware über den Scanner.

Piepen.

Piepen.

Piepen.

Milch.

Brot.

Käse.

Katzenfutter.

Kaugummi.

„Haben Sie Payback?“

„Nee.“

Piepen.

„Brauchen Sie den Bon?“

„Nee.“

Nächster.

So geht das.

Nicht schlimm.

Nur immer.

Das versteht keiner.

Ein Kunde ist nicht schlimm.

Ein unfreundlicher Kunde ist auch nicht gleich schlimm.

Eine Rückfrage ist nicht schlimm.

Ein „Wo steht denn der Reis?“ ist nicht schlimm.

Ein „Das war aber ausgeschildert“ ist nicht schlimm.

Ein „Sie müssen mal mehr Kassen aufmachen“ ist nicht schlimm.

Ein „Das kostet aber nicht 2,49“ ist nicht schlimm.

Ein „Hallo? Ich warte hier schon“ ist nicht schlimm.

Einzeln ist fast nichts schlimm.

Einzeln kann man immer sagen:

Ach komm.

Stell dich nicht so an.

War doch nur eine Frage.

War doch nur ein Kunde.

War doch nur ein Spruch.

War doch nur ein langer Tag.

Aber es bleibt nicht einzeln.

Es kommt immer noch eins.

Und noch eins.

Und noch eins.

Und irgendwann ist der Kopf wie so ein Einkaufswagen, bei dem vorne ein Rad nicht richtig läuft.

Man schiebt weiter.

Es geht ja.

Aber es zieht die ganze Zeit zur Seite.

Die Frau vor mir legt ihren Einkauf aufs Band.

Langsam.

Sehr langsam.

Ich sage nichts.

Warum auch.

Ich sage:

„Guten Morgen.“

Sie sagt nichts zurück.

Auch gut.

Muss keiner.

Ich ziehe die Sachen rüber.

Paprika.

Salat.

Zwei Flaschen Wasser.

Ein Brot.

Sie schaut auf den Bildschirm.

Das machen viele.

So ein Blick, als wäre ich persönlich für die Preise zuständig.

Als hätte ich heute Morgen im Lager gesessen und gedacht:

Die Paprika setze ich mal höher, nur um Frau Meier zu ärgern.

„Das Brot war aber im Angebot.“

Ich schaue auf den Bildschirm.

„Das hier ist das Mehrkorn. Im Angebot ist das Bauernkruste.“

„Da stand aber das Schild.“

Ich atme ein.

Ganz normal.

Nicht hörbar.

Hörbares Atmen an der Kasse ist gefährlich.

Dann heißt es gleich:

Sie müssen ja nicht so genervt sein.

Also atme ich innen.

Ganz klein.

„Ich kann gerne jemanden rufen, der mal vorne nachschaut.“

„Ich hab jetzt keine Zeit.“

Ich nicke.

Was soll ich machen.

Sie hat keine Zeit.

Ich auch nicht.

Nur meine Zeit zählt hier irgendwie anders.

Ich rufe trotzdem jemanden.

Es dauert.

Ja.

Auf einmal stehen drei Kunden hinter ihr.

Dann fünf.

Ich sehe die Schlange wachsen, ohne richtig hinzusehen.

Man entwickelt dafür so einen seitlichen Blick.

Man sieht aus dem Augenwinkel, wie die Stimmung kippt.

Wie einer das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagert.

Wie jemand auf die Uhr schaut.

Wie jemand schon den Mund formt, bevor er etwas sagt.

Der Mann ganz hinten sagt:

„Können Sie nicht noch eine Kasse aufmachen?“

Ich lächle.

Dieses kleine Ladenlächeln.

„Ich habe schon geklingelt.“

Das stimmt.

Ich habe geklingelt.

Zweimal.

Das hört aber niemand.

Man sieht nur mich.

Eine Frau an der Kasse.

Sitzt da.

Scannt nicht.

Also bin ich das Problem.

Die Kollegin kommt.

Schaut nach.

Brot nicht im Angebot.

Ach was?!

Die Kundin ist beleidigt.

Sie nimmt es nicht.

„Dann lassen Sie es eben.“

Sie sagt es so, als hätte ich das Brot persönlich verraten.

Ich storniere.

Storno braucht den Schlüssel.

Der Schlüssel hängt nicht da.

Ich greife nach rechts.

Leer.

Ja.

Ich drehe mich.

„Hat jemand den Schlüssel?“

Niemand.

Die Schlange atmet jetzt anders.

Das hört man.

Menschen in Schlangen atmen wirklich anders.

Kurzer.

Genervter.

Als hätte jeder seine eigene kleine Ungeduld in eine Plastiktüte gepackt und die ganze Kasse wäre jetzt voll davon.

Endlich Schlüssel.

Storno.

Weiter.

„Das macht dann 18,72.“

Sie legt Geld hin.

Kleingeld.

Sehr viel Kleingeld.

Ich zähle.

Ein Cent fällt runter.

Unter die Kasse.

Ich sehe ihn.

Ich lasse ihn liegen.

Früher hätte ich ihn aufgehoben.

Heute nicht.

Es gibt Würdegrenzen.

Auch im Einzelhandel.

Nächster Kunde.

Er sagt:

„Na, endlich.“

Ich schaue ihn an.

Kurz.

Nicht lange.

Lange wäre schon wieder unhöflich.

„Guten Morgen.“

Er legt Bier aufs Band.

Chips.

Zigaretten.

„Schlechten Tag?“

Da ist er.

Der Satz.

Ich höre ihn öfter, als man denkt.

Schlechten Tag?

Manchmal auch:

„Na, heute nicht so gut drauf?“

Oder:

„Ein Lächeln kostet nichts.“

Der Lieblingssatz.

Ein Lächeln kostet nichts.

Doch.

Tut es.

Nicht immer.

Aber manchmal.

Manchmal kostet ein Lächeln genau die kleine Kraft, die ich gerade noch brauche, um nicht zu sagen:

Wissen Sie was, nehmen Sie Ihr Bier und Ihre Lebensweisheit und gehen Sie bitte einmal freundlich aus meinem Nervensystem.

Das sage ich natürlich nicht.

Ich sage:

„Alles gut.“

Piepen.

Piepen.

Zigaretten.

„Welche?“

„Die Blauen.“

Es gibt ungefähr zwölf blaue.

Ich drehe mich zum Regal.

„Die hier?“

„Nee, die anderen.“

Ich nehme die anderen.

„Nee, die langen.“

Ich nehme die langen.

„Aber in Softpack.“

Ich nehme Softpack.

„Genau.“

Er grinst.

Vielleicht meint er es gar nicht böse.

Das ist oft so.

Viele meinen es nicht böse.

Sie sind nur der zehnte Mensch heute, der etwas nicht böse meint.

Auch das sammelt sich.

Ich gebe ihm die Schachtel.

Er zahlt.

Geht.

Ohne Tschüss.

Muss auch keiner.

Aber manchmal merke ich es.

Nicht jedes Mal.

Sonst wird man irre.

Aber manchmal.

So ein kleiner fehlender Schluss.

Als wäre ich kein Mensch, bei dem man ein Gespräch beendet.

Nur eine Station.

Ware drauf.

Geld weg.

Weiter.

Kasse zwei piept.

Die Schlange wird kleiner.

Dann wieder größer.

So ist das.

Sie wird nie wirklich weg.

Man freut sich kurz, wenn nur noch zwei Leute da sind.

Dann biegt jemand mit einem vollen Wagen um die Ecke.

Dann noch einer.

Dann kommt jemand nur mit einem Salat und stellt sich so hin, dass man genau sieht, dass er eigentlich vor alle möchte.

Ich sehe das.

Natürlich sehe ich das.

Ich sehe alles.

Das ist mein Problem.

Ich sehe, wer gleich fragt.

Ich sehe, wer gleich diskutiert.

Ich sehe, wer schon schlechte Laune mitgebracht hat.

Ich sehe, wer nur müde ist.

Ich sehe, welche Mutter ihr Kind gleich anpflaumt.

Ich sehe, welcher alte Herr die PIN wieder nicht findet und sich dafür schämt.

Ich sehe, welcher Jugendliche so tut, als wäre ihm alles egal, aber innerlich hofft, dass die Karte funktioniert.

Ich sehe, wer kein Geld hat und trotzdem so tut, als sei alles normal.

Das sieht man, wenn man lange genug an einer Kasse sitzt.

Man sieht Menschen in ganz kleinen Momenten.

In denen, wo sie nicht besonders schön sind.

Nicht besonders schlimm.

Einfach kurz offen.

Und dann muss man trotzdem schnell sein.

Das ist das Komische.

Man sieht mehr, als man verarbeiten kann.

Und hat weniger Zeit, als man bräuchte, um freundlich damit umzugehen.

Gegen elf schickt mich jemand in die Getränke.

„Kannst du kurz auffüllen?“

Kurz.

Dieses Wort gehört verboten.

Ich stehe auf.

Der Rücken sagt sofort etwas.

Dieses Ziehen unten.

Ich ignoriere es.

Ich ignoriere viel.

Das ist keine Stärke.

Das ist Dienstplan.

Hinten stehen die Kisten.

Apfelschorle.

Wasser.

Cola Zero.

Alles, was immer leer ist.

Ich ziehe den Wagen.

Ein Rad hakt.

Natürlich.

Ich kenne den Wagen.

Er hakt seit Monaten.

Irgendwer hat mal gesagt, der kommt weg.

Er ist noch da.

Wir sind alle noch da.

Ich fahre nach vorne.

Im Gang steht eine Kundin genau vor dem Regal, in das ich muss.

Sie telefoniert.

Laut.

Ich warte kurz.

Sie sieht mich nicht.

Oder tut so.

Ich sage:

„Entschuldigung, ich müsste einmal kurz ans Regal.“

Sie hält das Handy vom Ohr weg und schaut mich an, als hätte ich sie beim Leben gestört.

„Ja.“

Sie bewegt sich 10 Zentimeter.

Immerhin.

Ich fülle ein.

Flasche für Flasche.

Unten.

Oben.

Drehen.

Etikett nach vorne.

Man sieht am Ende nur ein volles Regal.

Niemand sieht die Hände.

Niemand sieht, wie oft man sich bückt.

Niemand sieht den Rücken.

Niemand sieht, dass man dabei die ganze Zeit im Weg ist, obwohl man gerade dafür sorgt, dass alle finden, was sie wollen.

Ein Mann fragt:

„Wo ist denn das stille Wasser?“

Ich stehe vor Wasser.

Wirklich direkt davor.

Ich schaue ihn an.

Er schaut am Regal vorbei.

„Direkt hier.“

„Ach.“

Er lacht.

„Da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, wa?“

Ich lächle.

„Passiert.“

Was soll ich sagen.

Es passiert.

Jeden Tag.

Mehrfach.

Ich fülle weiter.

„Haben Sie auch das andere?“

„Welches andere?“

„Na, das andere.“

Ich warte.

Er beschreibt eine Flasche.

Grün.

Oder blau.

Vielleicht mit Zitrone.

Vielleicht ohne.

Ich weiß irgendwann, was er meint.

Wir haben es nicht.

„Das haben wir im Moment nicht da.“

„Aber letzte Woche hatten Sie das.“

Ja.

Letzte Woche war letzte Woche.

Ich weiß auch nicht, warum Menschen glauben, dass dieser Satz Waren herbeizaubern kann.

Aber sie sagen ihn mit großer Hoffnung.

Oder mit Vorwurf.

Oft beides.

„Kann ich leider nicht ändern.“

Leider.

Das sage ich oft.

Leider ist ein Schutzwort.

Es legt ein kleines Polster um Sätze, die sonst hart klingen.

„Kann ich nicht ändern“ klingt kalt.

„Kann ich leider nicht ändern“ klingt nach Dienstleistung.

Der Mann seufzt.

Geht.

Ich fülle weiter.

Dann klingelt die Kasse.

Ja.

Ich lasse den Wagen stehen.

Gehe zurück.

Auf dem Weg sagt jemand:

„Entschuldigung, arbeiten Sie hier?“

Ich trage das Shirt mit Firmenlogo.

Das Namensschild.

Ich schiebe einen Getränkewagen.

Ich sage:

„Ja.“

Man darf nicht alles sagen, was man denkt.

Das ist vielleicht die wichtigste Fähigkeit in meinem Beruf.

Die Kundin fragt nach Backpulver.

Ich bringe sie hin.

Nicht nur zeigen.

Wenn man nur zeigt, findet sie es vielleicht nicht und kommt wieder.

Also bringe ich sie hin.

Kasse klingelt noch mal.

Ich höre das.

Dieses Klingeln geht direkt in den Rücken.

Nicht in die Ohren.

In den Rücken.

Ich gehe schneller.

Schneller, als ich möchte.

An Kasse zwei sitzt inzwischen keiner.

Ja.

Ich setze mich.

Fünf Leute warten.

Der erste sagt nichts.

Der zweite sagt:

„Endlich.“

Ich sage:

„Entschuldigung.“

Ich entschuldige mich viel.

Für Wartezeit.

Für Preise.

Für leere Regale.

Für Ware, die ich nicht bestellt habe.

Für Coupons, die nicht funktionieren.

Für Maschinen, die hängen.

Für Kollegen, die fehlen.

Für ein System, das immer knapp kalkuliert ist und dann so tut, als sei Freundlichkeit eine unbegrenzte Ressource.

Ich entschuldige mich mit einer Stimme, die immer noch freundlich klingt.

Meistens.

Manchmal klingt sie nur noch glatt.

Das merken manche.

Dann sagen sie:

„Sie müssen ja nicht gleich unfreundlich werden.“

Und ich denke:

Wenn das hier schon unfreundlich ist, dann haben Sie keine Ahnung, wie viel Freundlichkeit ich gerade zurückhalte.

Aber ich sage:

„Das war nicht so gemeint.“

Auch das sage ich oft.

Das war nicht so gemeint.

Meistens stimmt es sogar.

Ich meine selten etwas böse.

Ich habe nur irgendwann keinen Platz mehr, es schön einzupacken.

Der Tag läuft weiter.

Kasse.

Regal.

Kasse.

Leergut.

Kasse.

Frische.

Kasse.

Eine Kundin will etwas zurückgeben.

Ohne Bon.

Natürlich ohne Bon.

„Das habe ich gestern hier gekauft.“

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Ich war gestern nicht da.

Oder doch?

Die Tage hängen manchmal zusammen.

„Ohne Bon ist das schwierig.“

„Die Kollegin hat gesagt, das geht.“

Die Kollegin.

Welche Kollegin?

Wann?

Wo?

In welchem Universum?

Ich frage nach.

Die Kundin wird lauter.

Nicht sehr.

Nur so, dass die Leute hinter ihr zuhören.

Das ist der Moment, in dem man als Verkäuferin plötzlich Bühne hat.

Keiner hat Eintritt bezahlt, aber alle schauen.

Ich erkläre es noch einmal.

Ruhig.

Ich höre mich ruhig erklären.

Meine eigene Stimme klingt wie aus der Schulung.

Freundlich.

Sachlich.

Lösungsorientiert.

Innen ist es anders.

Innen denke ich an Kasse drei.

An die Getränke.

An den Wagen im Gang.

An meine Pause, die eigentlich vor zwanzig Minuten gewesen wäre.

An meine Füße.

An den Einkaufszettel zu Hause.

An meine Mutter, die später anruft und fragt, ob ich nach der Arbeit noch kurz vorbeikommen kann.

Kurz.

Natürlich kurz.

Die Kundin sagt:

„Also Service ist das hier aber nicht.“

Da ist er.

Service.

Ein großes Wort für eine kleine Kasse.

Ich nicke.

Ich hole die Leitung.

Nicht weil ich nicht entscheiden kann.

Weil ich keine Kraft mehr für diesen Kampf habe.

Die Leitung kommt.

Entscheidet aus Kulanz.

Ja.

Die Kundin bekommt ihr Geld.

Sie geht.

Zufrieden ist sie nicht.

Ich auch nicht.

Aber aus unterschiedlichen Gründen.

Denn jetzt sieht es so aus, als hätte ich mich angestellt.

Als wäre ich die Schwierige gewesen.

Als hätte ich nur nicht gewollt.

Dabei habe ich genau das gemacht, was ich machen soll.

Bis jemand kommt und entscheidet, dass es heute anders ist.

Das passiert öfter.

Man hält eine Regel.

Dann wird sie über einem aufgeweicht.

Für den Frieden.

Für den Kunden.

Für den Moment.

Und man sitzt danach wieder an der Kasse und ist die, die vorher Nein gesagt hat.

Die Unfreundliche.

Die Kleinliche.

Die, die sich anstellt.

Ich scanne weiter.

Piepen.

Piepen.

Piepen.

Ein Kind weint.

Ein Hund bellt draußen.

Eine Flasche fällt irgendwo.

Glas.

Ich zucke nicht mal mehr richtig.

Nur innen.

Jemand ruft:

„Da ist was kaputtgegangen!“

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Als wäre das eine Nachricht aus einem anderen Land.

Ich sehe zur Kollegin.

Sie sieht zu mir.

Wir wissen beide: gleich macht es jemand.

Jemand sind meistens wir.

Meine Pause kommt um halb zwei.

Eigentlich vierzig Minuten später als geplant.

Ich gehe nach hinten.

Setze mich.

Die Schuhe bleiben an.

Das ist ein Fehler.

Aber wenn ich sie ausziehe, merke ich die Füße zu sehr.

Also lasse ich sie an.

Im Pausenraum steht der Kaffeeautomat.

Ein Plastikstuhl.

Ein Tisch mit Krümeln.

Ein Aushang über Hygiene.

Ein Aushang über Freundlichkeit.

Der hängt da wirklich.

Freundlichkeit.

Lächeln.

Blickkontakt.

Kundinnen und Kunden sollen sich willkommen fühlen.

Ich sitze darunter und esse ein Brot aus Alufolie.

Das Brot ist weich geworden.

Käse.

Gurke.

Ein bisschen matschig.

Ich esse es trotzdem.

Eine Kollegin kommt rein.

„Boah, heute wieder nur Verrückte unterwegs.“

Ich lache.

Weil man das so sagt.

Weil es kurz hilft.

Weil es besser klingt als:

Ich merke, wie ich langsam weniger Mensch werde, und ich weiß nicht, wie viele Schichten das noch gutgeht.

Das sagt man nicht im Pausenraum.

Man sagt:

„Ja, echt.“

Dann trinkt man Kaffee.

Meine Kollegin erzählt von einer Kundin, die sich beschwert hat, weil die Erdbeeren zu reif waren.

Ich höre zu.

Nicke.

Lache an der richtigen Stelle.

Mein Kopf ist nicht leer.

Er summt.

Der Scanner summt irgendwie noch in mir.

Piepen.

Piepen.

Piepen.

Man hört das nach einer Weile auch ohne Gerät.

Wie so ein Phantomgeräusch.

Andere haben Ohrwürmer.

Ich habe Kassenpiepen.

Ich schaue auf die Uhr.

Noch sieben Minuten Pause.

Sieben Minuten sind lächerlich, wenn man versucht, wieder Platz in sich zu bekommen.

Ich lehne den Kopf gegen die Wand.

Nur kurz.

Die Wand ist kühl.

Das ist schön.

Dann geht die Tür auf.

„Kannst du gleich vorne übernehmen? Maria muss eher weg.“

Ich sage:

„Ja.“

Das Ja kommt zu schnell.

Mein Körper hat noch gar nicht abgestimmt.

Aber mein Mund ist zuverlässig.

Das ist auch ein Problem.

Mein Mund sagt oft Ja, bevor ich weiß, ob ich noch Ja bin.

Die Pause ist vorbei.

Eigentlich hätte ich noch drei Minuten.

Ich nehme sie nicht.

Drei Minuten fühlen sich plötzlich kleinlich an.

Also stehe ich auf.

Räume die Alufolie weg.

Trinke den Kaffee aus.

Zu heiß.

Egal.

Vorne ist es voll.

Ja.

Es ist immer dann voll, wenn man zurückkommt.

Ich setze mich an Kasse eins.

Kasse eins ist besser als Kasse zwei.

Zieht nicht.

Aber der Scanner ist launisch.

Man kann nicht alles haben.

Der Nachmittag hat eine andere Stimmung.

Morgens sind Menschen in Eile.

Nachmittags sind sie müde.

Müde Menschen sind manchmal schlimmer als eilige.

Eilige wollen nur raus.

Müde wollen oft, dass jemand anders merkt, dass sie müde sind.

Das kann ich verstehen.

Ich bin auch müde.

Nur darf meine Müdigkeit nicht vor.

Kundenmüdigkeit darf auf den Tisch.

Meine bleibt unter der Kasse.

Eine Frau mit zwei Kindern kommt.

Der Wagen ist voll.

Die Kinder sind laut.

Sie sagt dreimal:

„Jetzt reicht’s.“

Ich scanne.

Sie entschuldigt sich.

„Die sind heute unmöglich.“

Ich sage:

„Alles gut.“

Und diesmal meine ich es wirklich.

Kinder sind Kinder.

Ich habe selbst welche großgezogen.

Zwei.

Beide aus dem Haus.

Der eine ruft selten an.

Der andere zu oft.

So ist das Leben.

Das kleine Kind legt einen Schokoriegel aufs Band.

Die Mutter nimmt ihn weg.

Kind schreit.

Sie schaut mich an.

Dieser Blick.

Peinlich.

Erschöpft.

Bitte nicht urteilen.

Ich urteile nicht.

Ich scanne weiter.

Langsamer vielleicht.

Nicht viel.

Nur so, dass sie den Riegel noch einmal verhandeln kann.

Man lernt solche Kleinigkeiten.

Manchmal ist Freundlichkeit keine große Sache.

Manchmal ist Freundlichkeit, eine Packung Nudeln etwas langsamer über den Scanner zu ziehen.

Der nächste Kunde sieht das anders.

Er seufzt.

Ich höre es.

Natürlich höre ich es.

Ich bin nicht taub.

Ich bin nur an der Kasse.

Die Mutter zahlt.

Sie sagt leise:

„Danke.“

Ich nicke.

„Schönen Tag noch.“

Der nächste Kunde legt seine Sachen aufs Band.

Er sagt:

„Manche Leute haben ihre Kinder auch gar nicht im Griff.“

Ich scanne seinen Käse.

Ich sage nichts.

Nicht alles braucht Antwort.

Aber es bleibt trotzdem irgendwo.

Dieses kleine Gift.

Man schluckt es nicht richtig.

Man legt es nur irgendwo ab.

Neben die anderen Sätze.

Einmal sagt jemand:

„Sie sind aber heute langsam.“

Einmal sagt jemand:

„Geht das auch freundlicher?“

Einmal sagt jemand:

„Dann such ich eben selber.“

Einmal sagt jemand:

„Kein Wunder, dass hier keiner mehr einkaufen will.“

Einmal sagt jemand:

„Sie machen ja auch nur Ihren Job.“

Das soll nett sein.

Manchmal.

Aber „nur“ ist ein gefährliches Wort.

Nur mein Job.

Nur scannen.

Nur einräumen.

Nur kassieren.

Nur freundlich bleiben.

Nur Beschwerden abfangen.

Nur stehen.

Nur sitzen.

Nur lächeln.

Nur erklären.

Nur entschuldigen.

Nur den Ärger vom letzten Kunden nicht an den nächsten weitergeben.

Nur acht Stunden lang so tun, als hätte jeder Mensch wieder neu angefangen.

Das ist die eigentliche Arbeit.

Dass jeder Kunde bei Null beginnen darf.

Der Kunde um 17:20 Uhr kann nichts für den Kunden um 9:15 Uhr.

Das weiß ich.

Natürlich weiß ich das.

Deshalb bekommt er meine Müdigkeit nicht.

Er bekommt mein Guten Tag.

Mein Bitte.

Mein Danke.

Mein Schönen Abend.

Wenn es gut läuft.

Wenn genug Platz da ist.

Und manchmal ist eben kaum noch Platz.

Dann wird das Guten Tag kürzer.

Das Lächeln kleiner.

Die Stimme flacher.

Die Geduld dünner.

Und genau dann kommt jemand und sieht nur diesen Moment.

Nur mich um 17:20 Uhr.

Nicht mich um 7:05 Uhr.

Nicht das Brot.

Nicht die Reklamation.

Nicht die Schlange.

Nicht den Wagen mit Wasser.

Nicht die Kundin ohne Bon.

Nicht die Pause unter dem Freundlichkeitsaushang.

Nicht den Rücken.

Nicht die Füße.

Nicht das Kind mit dem Schokoriegel.

Nicht den Mann mit dem Spruch.

Nicht die zehnmal runtergeschluckte Antwort.

Nur meine Stimme, die nicht mehr ganz weich ist.

Und dann bin ich unhöflich.

So schnell geht das.

Man braucht Jahre, um belastbar zu werden.

Und drei Sekunden, um unfreundlich zu wirken.

Gegen Abend fällt mir eine Packung Reis runter.

Nichts Schlimmes.

Reis bleibt in der Packung.

Ich hebe sie auf.

Dabei knackt mein Knie.

Laut genug, dass ich es höre.

Vielleicht hört es auch niemand.

Ich stelle die Packung zurück.

Eine Kundin fragt:

„Wo haben Sie denn die Müllbeutel?“

Ich bin gerade halb unten.

Ich richte mich auf.

Zu schnell.

Mir wird kurz warm im Kopf.

„Gang vier, ziemlich am Ende, links.“

„Da war ich schon.“

Ja.

Ich gehe mit.

Zeige es.

Sie sagt:

„Ach hier.“

Ich sage:

„Genau.“

Sie sagt nicht danke.

Ich gehe zurück.

Kasse klingelt.

Ich setze mich.

Der Stuhl fühlt sich jetzt härter an als morgens.

Vielleicht ist er derselbe.

Vielleicht bin ich nur weniger gepolstert von innen.

Ein junger Mann legt zwei Energydrinks aufs Band.

Kopfhörer im Ohr.

Er schaut nicht auf.

Ich sage:

„Hallo.“

Keine Reaktion.

Ich scanne.

„2,78.“

Er hält das Handy ans Gerät.

Piept.

Er nimmt die Dosen.

Geht.

Ich denke kurz:

Hat er mich überhaupt gesehen?

Dann denke ich:

Vielleicht ist er auch müde.

Das ist das Blöde, wenn man älter wird.

Man wird milder an Stellen, an denen man lieber wütend wäre.

Nicht immer.

Manchmal bin ich auch einfach wütend.

Aber oft denke ich:

Wer weiß.

Wer weiß, was der andere gerade trägt.

Das macht das Leben freundlicher.

Und schwerer.

Kurz vor Ladenschluss kommt noch einer.

Immer kommt noch einer.

Er ist genervt, weil das Brotregal leer ist.

„Sie haben aber auch nie was da.“

Ich stehe vor einem Laden voller Sachen.

Hunderte Produkte.

Regale.

Kisten.

Paletten.

Aber das eine Brot ist weg.

Also haben wir nie was da.

„Das tut mir leid, das ist heute ausverkauft.“

Er schnaubt.

„Dann muss ich wohl woanders hin.“

Ich nicke.

Ich könnte sagen:

Ja.

Müssen Sie dann wohl.

Ich sage:

„Vielleicht bekommen Sie es morgen wieder.“

Morgen.

Als würde ich morgen nicht auch wieder hier stehen.

Als würde morgen nicht dieselbe Luft aus der Kühlung kommen.

Dasselbe Piepen.

Dieselben Sätze.

Nur in anderer Reihenfolge.

Endlich ist zu.

Die Tür geht nicht mehr automatisch auf.

Das ist ein schöner Moment.

Ein bisschen.

Man hört den Laden plötzlich anders.

Ohne Kunden.

Das Licht ist noch grell.

Die Kühlung brummt.

Irgendwo läuft noch Musik.

Der Boden sieht aus, als hätte er einen Krieg gegen Krümel verloren.

Wir räumen auf.

Ja.

Feierabend heißt im Laden nicht: gehen.

Feierabend heißt: jetzt noch schnell alles, was keiner gesehen hat.

Waren nach vorne ziehen.

Kassenabschluss.

Müll.

Körbe.

Fundstücke.

Eine einzelne Banane bei den Zeitschriften.

Ein Joghurt, warm.

Den kann man wegwerfen.

Wieder Lebensmittel in den Müll.

Ich hasse das.

Aber das ist ein anderes Thema.

Meine Füße brennen.

Einfach brennen.

Ich gehe nach hinten.

Ziehe das Shirt aus.

Das Namensschild bleibt daran hängen.

Mein Name liegt dann im Spind.

Auch schön.

Für ein paar Stunden keine Frau mit Namen am Shirt.

Nur ich.

Ich setze mich kurz auf die Bank.

Die Kollegin neben mir stöhnt.

„Ich kann nicht mehr.“

Ich sage:

„Ich auch nicht.“

Wir lachen beide.

Kurz.

Trocken.

So lachen Frauen, die wissen, dass sie morgen wiederkommen.

Draußen ist es schon dunkel.

Oder fast dunkel.

Ich gehe zur Bushaltestelle.

Die Einkaufstasche in der Hand.

Ja.

Ich kaufe nach der Arbeit auch noch ein.

Natürlich.

Man arbeitet im Laden und muss trotzdem einkaufen.

Das finden manche lustig.

Ich nicht mehr.

Im Bus ist es warm.

Zu warm.

Ich sitze.

Wenn ein älterer Mensch einsteigt, würde ich aufstehen.

Wahrscheinlich.

Vielleicht.

Heute hoffe ich, dass keiner einsteigt.

Das ist kein schöner Gedanke.

Aber ein ehrlicher.

Meine Füße pochen.

Ich schaue aus dem Fenster.

Die Stadt zieht vorbei.

Lichter.

Haltestellen.

Menschen mit Taschen.

Menschen, die nach Hause wollen.

Alle sehen müde aus.

Vielleicht ist die ganze Stadt müde und wir tun nur unterschiedlich so.

Zu Hause stelle ich die Tasche ab.

Ziehe die Schuhe aus.

Das ist der beste Moment des Tages.

Nicht übertrieben.

Der Schuh geht ab und der Fuß breitet sich aus, als hätte er den ganzen Tag die Luft angehalten.

Ich stelle mich in die Küche.

Der Kühlschrank brummt.

Ich müsste noch was essen.

Ich habe keinen Hunger.

Oder zu viel Hunger.

Manchmal kann ich das nicht unterscheiden.

Ich mache mir ein Brot.

Käse.

Gurke.

Wieder Käse.

Wie mittags.

Ist egal.

Ich esse im Stehen.

Dann setze ich mich doch.

Der Fernseher läuft.

Irgendeine Sendung.

Menschen reden.

Ich höre nicht richtig zu.

Mein Kopf scannt noch.

Piepen.

Stimme.

Kasse.

Kunde.

Preis.

Tüte.

Bon.

Payback.

Klingel.

Piepen.

Manchmal bin ich abends nicht unhöflich.

Ich bin einfach weg von mir.

Mein Mann hat früher manchmal gefragt:

„Was ist denn mit dir los?“

Heute fragt er es seltener.

Man lernt auch als Partner, welche Fragen nichts bringen.

Ich sage dann:

„Nichts.“

Nicht weil nichts ist.

Weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Beim Brot?

Beim Storno?

Beim Mann mit dem Lächeln-kostet-nichts?

Bei der Pause, die keine war?

Bei der Kundin, die kein Danke gesagt hat?

Beim Rücken?

Bei der Tatsache, dass ich heute bestimmt hundertfünfzigmal freundlich war und mich trotzdem an die drei Male erinnere, bei denen ich es nicht mehr richtig geschafft habe?

Das ist doch verrückt.

Hundertfünfzigmal geht es gut.

Dreimal klingt die Stimme zu kurz.

Und abends liege ich da und denke an die drei.

Vielleicht bin ich wirklich unfreundlich geworden.

Vielleicht merkt man mir die Jahre an.

Vielleicht sollte ich gelassener sein.

Vielleicht bin ich nicht mehr belastbar genug.

Vielleicht stellen sich die Jungen einfach besser an.

Vielleicht müsste ich mich mehr zusammenreißen.

Dann denke ich an den Satz:

Ein Lächeln kostet nichts.

Und ich werde wieder wach.

Weil es eben doch etwas kostet.

Nicht immer.

Ich habe gern gelacht früher.

Ich lache immer noch gern.

Mit Kolleginnen.

Mit meinnem Sohn am Telefon.

Über dumme Sachen.

Über den Wagen, der immer noch hakt.

Über den Kunden, der vor dem Wasser nach Wasser fragt.

Ich bin kein trauriger Mensch.

Das ist mir wichtig.

Ich bin auch nicht böse.

Ich mag Menschen oft.

Manchmal mehr, als gut für diesen Beruf ist.

Ich sehe die alten Leute, die sonst mit keinem sprechen.

Ich sehe die Mutter mit den Kindern.

Ich sehe die Schüler, die sich ein Brötchen kaufen und hoffen, dass das Geld reicht.

Ich sehe den Mann, der jeden Freitag Blumen kauft.

Ich sehe die Frau, die immer Katzenfutter nimmt und irgendwann sagt, die Katze ist gestorben.

Ich sehe das alles.

Es geht nicht an mir vorbei.

Vielleicht wäre es leichter, wenn es das täte.

Vielleicht könnte ich dann immer gleich freundlich sein.

So freundlich, wie es auf dem Aushang steht.

Mit Blickkontakt.

Mit Lächeln.

Mit offener Haltung.

Als hätte ich innen ein Lager davon.

Freundlichkeit in Kartons.

Palettenweise.

Einfach nachfüllen, wenn vorne leer.

Aber so ist es nicht.

Freundlichkeit kommt aus einem Menschen.

Und Menschen werden voll.

Voll mit Geräuschen.

Voll mit Blicken.

Voll mit Sätzen.

Voll mit kleinen Ungerechtigkeiten.

Voll mit Dingen, die man nicht sagen darf.

Voll mit den Gefühlen anderer Leute, die kurz an der Kasse abgestellt werden wie ein Einkaufskorb.

Irgendwann ist kein Platz mehr.

Dann kommt jemand und fragt ganz normal:

„Haben Sie noch eine zweite Kasse?“

Und ich sage vielleicht etwas knapper:

„Ich klingel.“

Mehr nicht.

Nur zwei Wörter.

Aber ohne Schleife.

Ohne Polster.

Ohne Lächeln.

Und schon sieht es aus wie Unhöflichkeit.

Dabei war es vielleicht einfach der erste Satz des Tages, der keinen Schmuck mehr hatte.

Ich liege später im Bett.

Die Füße sind immer noch warm.

Der Rücken auch.

Nicht angenehm warm.

Eher beleidigt.

Ich schließe die Augen.

Für einen Moment sehe ich das Band.

Ware darauf.

Eine Hand, die etwas nachschiebt.

Eine Stimme.

„Das war aber im Angebot.“

Ich öffne die Augen wieder.

Die Zimmerdecke ist dunkel.

Gut.

Keine Preise.

Keine Kunden.

Kein Piepen.

Nur die Heizung.

Und mein Körper, der immer noch im Laden steht.

Morgen früh werde ich wieder hingehen.

Ich werde meine Jacke aufhängen.

Das Shirt anziehen.

Das Namensschild festmachen.

Ich werde Guten Morgen sagen.

Ich werde fragen, ob jemand den Bon braucht.

Ich werde Ware scannen.

Ich werde mich entschuldigen für Dinge, die ich nicht entschieden habe.

Ich werde lächeln, solange Platz dafür da ist.

Und vielleicht wird irgendwann wieder jemand denken:

Die war aber unfreundlich.

Vielleicht hat er recht.

Für seinen Moment.

Für diese eine Kasse.

Für diese eine Stimme.

Für diese drei Sekunden.

Aber ich wünschte, jemand würde manchmal die Stunden davor sehen.

Die hundert kleinen Anläufe zur Freundlichkeit.

Die geschluckten Sätze.

Die Pause unter dem Aushang.

Die Füße.

Das Piepen, das abends noch weitergeht.

Die Kundin, die kein Danke sagt.

Den Rücken beim Wasser.

Den Wagen mit dem kaputten Rad.

Das Lächeln, das nicht nichts kostet.

Ich bin nicht unhöflich.

Ich habe nur keinen Platz mehr.

Und manchmal merkt man das genau in dem Moment, in dem der nächste Mensch glaubt, er sei der erste.

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Miriam Eulau
Miriam Eulau

Written by Miriam Eulau

Autorin, Formatentwicklerin & Gründerin von Gesellschaftliche Lesbarkeit. Ich schreibe über Menschen, Strukturen und das, was dazwischen sichtbar wird.