Alberts Dilemma
Er hatte hundert Jahre lang Spanisch gelernt, und nun konnte er mit Fug und Recht behaupten, dass er die Sprache doch wirklich ganz gut beherrschte. Albert saß auf der Steinmauer, die das Hauptgebäude der Universität und die Wiese davor von der Straße trennte. Die Nachmittagssonne spiegelte sich in den Gläsern seiner schwarzen Hornbrille wider, er stützte sich links und rechts mit den Händen ab und ließ die Füße baumeln. Er war zufrieden. Neben ihm lag eine abgenutzte, hellbraune Ledertasche. Darin befand sich das Zeugnis des zweiten Staatsexamens, das er heute Morgen entgegengenommen hatte. Einige wichtige Funktionäre waren in dem großen Festsaal des Hauptgebäudes gewesen. Außerdem jemand von der Zeitung, die mittlerweile nur noch online erschien. Und dann sicher um die dreihundert Studenten, jedenfalls so viele, wie der Saal zu fassen im Stande war. Albert hatte so viel Aufmerksamkeit und Aufheben um seine Person noch nie erlebt und der ganze Vorgang war ihm eher unangenehm gewesen. Aber er hatte die anderen Beteiligten nicht enttäuschen wollen, sich deshalb höflich und gesellig gegeben und beim Händedruck mit dem Rektor für das Foto, das auf die Webseite der Uni kommen sollte, sogar gelächelt. Ein Bus fuhr mit leichtem Surren an ihm vorbei und der kräftige Luftzug, den er verursache, wehte Albert die blonden Locken aus dem Gesicht. Er schaute dem Bus hinterher, der dreißig Meter weiter für einen Fußgänger hielt, der den Zebrastreifen überqueren wollte. Albert musste an sein erstes Semester denken. Im Herbst 1918 hatte er angefangen. Zuerst hatte er die Personalpronomen gelernt. Yo, tú, él und ella, usted, nosotros und nosotras, vosotros und vosotras, ellos und ellas, ustedes. Er schrieb sie immer wieder auf und sagte sie zuhause in der Kammer, die er von einer alleinstehenden Lehrerin gemietet hatte, laut vor sich hin. An einem Nachmittag im frühen Februar, kurz vor Ende des Semesters, saß Albert in der Bibliothek und hatte fünf oder sechs Zettel vor sich liegen, auf denen er die Personalpronomen geübt hatte. Da blieb neben ihm jemand stehen und lachte laut auf. Albert drehte sich zur Seite. Es war sein Kommilitone Ludwig.
„Hallo, Ludwig“, sagte er. Dieser hatte aufgehört, zu lachen, schüttelte nun den Kopf. Er starrte auf die Blätter, die vor Albert auf dem Tisch lagen. Albert folgte seinem Blick, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen.
„Albert, was machst du denn da?“
„Die Personalpronomen“, entgegnete Albert. „Ich muss die noch ein wenig üben, sie mir wirklich einprägen.“
„Aber die brauchst du doch gar nicht im Spanischen. Die werden doch fast nicht benutzt.“
Fragend schaute Albert Ludwig an. Dann blickte er wieder auf seine Übungsblätter. Er nahm die Hände vom Tisch, rieb damit über seine ausgebleichte, graue Cordhose. Unter seinem Stuhl fingen seine Bootsschuhe aus Leder an, auf und abzuwippen.
„Stimmt das wirklich?“, fragte er.
„Ja Albert, die brauchst du nicht lernen. Was treibst du denn jetzt überhaupt noch mit den Personalpronomen? Wir schreiben in einer Woche die Übersetzungsklausur, in zwei Wochen dann Literatur und Linguistik. Diese Prüfungen sind wichtig, damit du im Studium vorankommst. Was machst du hier, Albert?“ Albert war schwindlig. Ihm war, als würde etwas Wichtiges aus der Balance geraten, als würde sich dieses Etwas langsam zu einer Seite neigen und dann mit zunehmender Geschwindigkeit Richtung Boden stürzen. Er schob die Papiere auf dem Tisch zusammen, steckte sie in seine Mappe, streifte seinen Mantel über und ging zu der Drehtür am Ausgang der Bibliothek. Auf halbem Wege wandte er sich noch einmal flüchtig um und winkte dem verblüfften Ludwig. Draußen nahm er sein Rad, um nach Hause zu kommen, und ausnahmsweise fuhr er schnell. An der Haustür begrüßte ihn die Lehrerin. Albert wollte nicht unhöflich sein, hielt das Gespräch jedoch so knapp wie möglich, um zügig in sein Zimmer zu gelangen. Dort ging er die fünf Schritte zur Kommode, öffnete die oberste Schublade, nahm sein Spanischbuch heraus. Er schlug es beim ersten Kapitel auf und suchte hastig nach der richtigen Stelle. Endlich hatte er sie gefunden: „Die Personalpronomen werden im Spanischen nicht so häufig genutzt, wie im Deutschen. Jedoch erlauben sie dem Sprecher, bestimmte Personen durch Betonung hervorzuheben, oder Zweifel auszuräumen, von wem genau die Rede ist.“ Zufrieden sortierte Albert das Buch wieder an der richtigen Stelle ein, dann nahm er sich ein frisches Blatt Papier, und fing an, zu schreiben: Yo, tú, él, ella, usted, nosotros, nosotras, vosotros, vosotras, ellos, ellas, ustedes.
Als die meisten Studenten, mit denen er gemeinsam angefangen hatte, 1924 ihr zweites Staatsexamen schrieben, war Albert bei den Adjektiven angekommen. Für ihn war das ein spannendes Jahr — die Adjektive schienen ihm überaus ergiebig und es faszinierte ihn, wie genau er die Dinge mit ihrer Hilfe zu beschreiben vermochte. Am Tag der Abschlussfeier seiner Kommilitonen klingelte es morgens um neun Uhr an der Haustür. Albert war schon seit zwei Stunden wach und saß mit einem Füllfederhalter in der Hand an seinem Sekretär. Bueno — malo, hermoso — feo, justo — falso, grande — pequeño. Es gefiel ihm, immer zwei Wörter zu finden, die durch einen Gegensatz verbunden waren, so konnte er sie sich leichter merken. Albert hörte, wie die Lehrerin die Haustür öffnete und jemanden begrüßte. Er war davon ausgegangen, dass es die Nachbarin war, die oft zum Frühstücken herüberkam. Zu seinem Erstaunen vernahm er nun jedoch die Stimmen seiner Eltern. Albert hatte nur selten Besuch von der Familie. Er stand auf, ging durch seine Kammer und dann den Korridor entlang. Die drei standen vor dem Haus, auf dem kleinen Vorhof, der mit Kies belegt und von einer niedrigen Hecke gesäumt war. Während Alberts Mutter sich mit der Lehrerin unterhielt, begutachtete sein Vater den großen Kastanienbaum, der vor dem Häuschen in die Höhe gewachsen war und den Hof zum größten Teil in Schatten tauchte. Albert ging die Haussteintreppe hinab, spürte unter seinen Schuhen das Knirschen der Kiesel. Als die Lehrerin sah, dass Albert gekommen war, um seine Eltern zu begrüßen, ging sie ins Haus. Albert sagte:
„Vater, Mutter, was für eine nette Überraschung.“ Seine Eltern hatten sich offensichtlich fein gemacht. Sein Vater trug seinen besten Anzug, den anthrazitfarbenen, den er sich zur Hochzeit von Alberts großem Bruder gekauft hatte. Seine Mutter hatte ein blaues Sommerkleid an. Außerdem hatte sie Lippenstift aufgetragen. Albert musterte die beiden, rieb sich flüchtig mit der Hand über die Stirn. Sein Vater ging auf ihn zu.
„Hallo, mein Sohn. Ich weiß, du hast wegen heute nichts von dir hören lassen. Deine Mutter und ich wissen ja, dass du bescheiden bist und nicht wegen der Anerkennung so fleißig studierst, aber bei dieser Feier wollten wir doch gern dabei sein. Der Moment soll gewürdigt werden.“ Nach diesen Worten gab ihm sein Vater die Hand. Dann kam seine Mutter auf ihn zu und umarmte ihn. Halbherzig legte Albert die Arme um sie. Doch er schien unsicher in der Bewegung, fast ein wenig verloren.
„Ich weiß nicht, ob ich verstehe. Meint ihr die Abschlussfeier am Romanischen Seminar heute?“ Alberts Vater lachte.
„Ja, natürlich. Es geht ja um zwei Uhr los. Wollen wir vorher eine Runde um den See spazieren und dann zusammen zu Mittag essen? Vielleicht in einem Gasthof?“ Er schaute zu seiner Frau, die zufrieden nickte, wandte den Blick dann wieder Albert zu. Dessen Gesicht hellte sich nun auf.
„Ach so, nein. An der Feier heute nehme ich nicht teil. Aber wir können trotzdem gern zusammen essen gehen.“ Alberts Vater wirkte verblüfft. Seine Mutter sagte:
„Aber wieso willst du nicht teilnehmen?“
„Nun, das wäre eher unpassend. Die Feier wird für die Studenten ausgerichtet, die jetzt ihren Abschluss machen, und zu denen gehöre ich ja nicht.“ Alberts Vater zog die Augenbrauen zusammen.
„Wie? Warum denn nicht?“ Die Härte, die auf einmal in seiner Stimme lag, überraschte Albert.
„Naja, ich bin noch nicht so weit.“ Einen Augenblick lang schwiegen seine Eltern. Dann sagte seine Mutter:
„Albert, warum hast du denn nichts gesagt? Wenn du Probleme im Studium hast, können wir doch einen Tutor einstellen.“ Albert kniff die Augen zusammen. Die Sonne hatte eine Lücke im dichten Laubwerk der Kastanie gefunden und blendete ihn.
„Ich habe eigentlich keine Probleme im Studium. Ich arbeite fleißig und lerne ziemlich viel, würde ich sagen.“ Alberts Vater steckte die Hände in die Taschen. Sein Blick lag prüfend auf seinem Sohn.
„Na gut, Albert. Du hast ja in der Vergangenheit durchaus bewiesen, dass du mit Ehrgeiz arbeitest. Aber wann wirst du wohl fertig werden? Im nächsten Semester? Oder dann erst im nächsten Sommer?“ Albert sah auf den Boden. Ihm war, als würde er irgendwie an der falschen Stelle stehen. Er trat einen Schritt zurück, so war es besser.
„Nein, also, ich kann nicht genau sagen, wann ich fertig werde. Jedenfalls wird es wohl noch dauern. Ich habe ja noch gar keine Klausuren geschrieben. Bisher habe ich die spanische Grammatik gelernt, ich bin gerade bei den Adjektiven. Es läuft gut, würde ich sagen. Alles, was ich bisher gelernt habe, verstehe ich jetzt auch.“
Alberts Vater stellte die Zahlungen für den Unterhalt zwei Wochen nach dem Gespräch auf dem Hof ein. Ein paar Mal sprach Albert in der Folge am Telefon noch mit seiner Mutter. Jedoch waren die Unterhaltungen schwierig, seine Mutter zeigte sich tief enttäuscht. Und sein Vater wollte gar nicht mehr mit ihm reden. Albert war verwundert und fand das sehr bedauerlich. Da er nun selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste, suchte er sich eine Beschäftigung. Er begann, für das Statistikamt im Industriegebiet Lastwagen zu zählen. Die Arbeit machte ihm Spaß, allerdings wurden seine Tage jetzt noch länger, denn trotz der neuen Tätigkeit wollte er keine Abstriche beim Spanischlernen machen. Albert beschäftigte sich mittlerweile mit dem Aufbau von Sätzen und lernte, wie man mehrere Wörter zu Gruppen zusammenfassen konnte. Sein Eifer war groß. Er verbrachte oft acht oder neun Stunden am Stück in der Bibliothek und schrieb etliche Seiten mit spanischen Sätzen voll. Er war fasziniert und erstaunt, wie die verschiedenen Wörter, von denen er schon viele gut kannte, nebeneinander ihren Platz fanden und in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergaben.
Als 1939 der Krieg ausbrach, hatte Albert gerade angefangen, sein erstes spanisches Buch zu lesen. Don Quijote war ihm in der Buchhandlung am Domplatz empfohlen worden.
„Das ist DER Roman in spanischer Sprache. Auch wenn er nicht ganz leicht zu verstehen ist, können Sie damit eigentlich nichts falsch machen“, hatte ihm eine Verkäuferin lächelnd versichert und ein schweres, gebundenes Buch aus dem Regal geholt, das auf dem Deckel einen in die Höhe geschossenen Ritter neben einem kleinen, eher rundlich anmutenden Knappen zeigte. Albert war überaus zufrieden mit dem Buch. Die Geschichte zog ihn in ihren Bann und er verbrachte damit Stunde um Stunde in der Bibliothek.
Im März 1940 musste Albert noch einmal zurück zu der Buchhandlung, weil er einen Einberufungsbescheid bekommen hatte. Er hatte keine klare Vorstellung von dem, was ihn erwartete, schloss jedoch aufgrund einiger Erzählungen, die er über den Krieg gehört hatte, darauf, dass ein Taschenbuch während seiner Zeit an der Front vermutlich praktischer wäre. Dieselbe Verkäuferin holte Albert auch diesmal das gewünschte Buch aus dem Regal. Als er auf ihre Nachfrage hin erklärte, warum er Don Quijote nun auch als Taschenbuch brauchte, wurde sie blass.
Nach der zehnwöchigen Grundausbildung gelangte Albert Ende Mai gemeinsam mit einigen anderen Männern seines Alters und dazu vielen deutlich jüngeren in den Norden Frankreichs. Er hatte in den vorangegangenen Wochen gelernt, ein Gewehr zu bedienen und trug nun eine Uniform, dazu Einiges an Ausrüstung. Am wichtigsten war für Albert bei der Uniform, dass die Bluse links und rechts mit zwei aufgesetzten Taschen versehen war, gerade groß genug für den Don Quijote. Allerdings kam er nur sehr wenig zum Lesen. Tagsüber war er fast ständig beschäftigt, nur abends, vor dem Schlafen, fand er manchmal eine Stunde Zeit, um einen Blick in sein Buch zu werfen. Albert war nicht zufrieden damit. Doch als er einmal während eines Marsches am Nachmittag, als er die Lage um sich herum als ziemlich ruhig einschätzte, sein Buch aus der Tasche nahm und öffnete, schlug es ihm ein Unteroffizier, der neben ihm ging, schlicht aus der Hand. Albert war verdutzt, verstand aber, dass im Krieg anscheinend nichts zu machen war, was das Lesen betraf. Als sein Regiment am 4. Juni eine Brücke einnahm, die über einen Fluss in der Nähe von Dünkirchen führte, fielen von der Gegenseite nicht mehr viele Schüsse. Einer davon traf Albert jedoch ins Bein. Die Soldaten seines Zuges marschierten weit vorne im Feld und überquerten die Brücke, die aufgrund von Einschlägen schon mit einigen Löchern im Boden durchsetzt war, als erste. Albert war gerade dabei gewesen, gedanklich das Verb dormir zu konjugieren, als ihn ein schneller, heißer Schmerz dabei unterbrach. Betroffen schaute er an sich herunter und sah, wie seine Hose sich unterhalb des Knies verfärbte. Er hatte aus dem allgemeinen Lärm um ihn herum keinen Knall heraushören können, den er mit dem Blut, das in seinen Stiefel floss, in Verbindung bringen konnte. Inmitten hunderter laufender Soldaten hielt Albert unvermittelt an.
Get Robert Antoine Lafleur’s stories in your inbox
Join Medium for free to get updates from this writer.
„Kamerad, was ist los?“ Heinrich, ein gutmütiger, vierzigjähriger Bauer aus der Pfalz, den Albert schon während der Strapazen der Ausbildung kennengelernt hatte, war ebenfalls stehen geblieben. Albert deutete auf seine Hose.
„Naja, ich wurde wohl getroffen.“ Heinrich runzelte die Stirn, die blauen Augen in seinem sonnenverbrannten Gesicht musterten Alberts verschmutzte Hose, die sich immer schneller mit Blut vollsog.
„All diese jungen Männer,“ stieß er hinter seinem rötlichen Vollbart hervor, während er Albert am Arm packte und aus der Menge herauszog, „das sind doch noch Jungs.“ Heinrich brachte Albert zum Sanitäter. Dort wurde die Blutung gestoppt und die Wunde verarztet. Obwohl der Einschuss in seiner Wade nicht lebensgefährdend war, durfte er nach zwei Wochen im Lazarett nach Hause fahren. Er packte seine Sachen, verabschiedete sich von Heinrich und machte sich auf den Weg.
Im Juni 1966 beschloss Albert nach gründlicher Überlegung, eine Reise nach Lateinamerika zu unternehmen. Er fühlte sich bereit. Nachdem er Anfang der 50er Jahre mit der spanischen Grammatik endgültig fertig geworden war und es kein Thema mehr gab, das er nicht beherrschte, hatte er nur noch Vokabeln gelernt. Fast fünfzehn Jahre lang hatte Albert aus spanischen Romanen und Gedichten alle Wörter herausgeschrieben, die er nicht kannte, diese übersetzt und schließlich so oft wiederholt, bis er sie nicht mehr vergaß. Nun hatte er einen Wortschatz von ungefähr dreißigtausend Wörtern — das schien ihm vorerst zu genügen. Außerdem war der Zeitpunkt günstig. Im Herbst wollte er an der Universität das erste Mal Kurse über spanische Literatur und Linguistik belegen. Albert ging davon aus, dass diese ihn stark beanspruchen würden, und freute sich über die freie Zeit, die ihm davor noch blieb. Als Ziel hatte er Mexiko-Stadt ausgewählt. Die Millionenmetropole interessierte ihn und ein mexikanischer Gastdozent an der Universität daheim hatte ihm nicht nur fantastische Geschichten über das Leben in der Stadt erzählt, sondern auch ein Zimmer nahe des Zentrums vermittelt.
Als Albert nach zwanzigstündiger Flugreise und zwei Mal Umsteigen endlich den Flughafen von Mexiko-Stadt verließ und ins Freie trat, empfing ihn eine gleißende Mittagssonne, und die drückende Hitze umgab ihn wie ein Schleier. Er ging bis zum Rand der dicht befahrenen Straße vor ihm, streckte den Arm in die Höhe und winkte einem Taxi. Das Fahrzeug, dessen gelbe Farbe schon leicht verblichen war, wurde rasch langsamer und kam schließlich neben ihm zum Halten. Albert steckte seinen blonden Schopf durchs Fenster und erklärte dem erstaunten Fahrer in flüssigem Spanisch, wohin er ihn bringen sollte.
Als sie bei der richtigen Adresse ankamen, war Albert durchgeschwitzt, sein beiger Leinenanzug klebte ihm förmlich auf der Haut. Er bezahlte den Fahrer, nahm sein Gepäck aus dem Kofferraum und klingelte dann im Erdgeschoss bei der Vermieterin. Sie nahm ihn freundlich auf und die beiden besprachen die Details des Aufenthaltes, dann bekam Albert seinen Schlüssel. Der schwergängige Lift des Gebäudes trug ihn bis in den fünfzehnten Stock hinauf. Dort angekommen, öffnete er die Wohnungstür und stellte seinen Reisekoffer auf dem weichen Teppichboden ab. Er ging quer durch den Raum bis zur Fensterfront und zog die Vorhänge auf. Weit unter ihm erstreckte sich die breite Avenida, auf der er gekommen war. Auf der anderen Straßenseite begann ein riesiger Stadtpark, sicherlich fünf oder sechs Kilometer lang, dessen kräftiges Grün nur in der Mitte von einem ausladenden, runden See unterbrochen wurde. Ein breiter, asphaltierter Weg zog sich einmal quer durch den Park. Albert schaute auf den Bürgersteig direkt vor seinem Gebäude. Die Menschen waren kaum zu erkennen, selbst die Automobile erschienen ihm winzig. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtete er das rege Treiben, das die Straßen der Stadt füllte. Alles erschien ihm so fern, als wäre es nur ein Kinofilm, und doch wusste er, dass die Bewegungen dort unten echt sein mussten.
In der folgenden Zeit lernte Albert die Stadt Tag für Tag besser kennen. Er verlegte sich darauf, schon nach dem Frühstück aufzubrechen und dann einfach den ganzen Tag spazieren zu gehen. Dabei begann er im Zentrum, schaute sich Marktplätze, Avenidas, Kathedralen und Museen an. Er lernte verschiedene Filmtheater kennen und ging in Vorstellungen. Stundenlang sah er den Schauspielern dabei zu, wie sie sich stritten und wieder versöhnten, sich liebten und hassten, und manchmal, wie sie sich gegenseitig umbrachten. Zu Mittag aß er in den diversen Restaurants, die die Stadt zu bieten hatte, wobei er immer unterschiedliche Gerichte bestellte. Albert bekam viele Gelegenheiten, sich zu unterhalten. Mit seinem Aussehen erregte er Aufmerksamkeit und die Leute kamen einfach auf ihn zu und fragten, wo er herkam und was ihn nach Mexiko gebracht hatte. Beim Sprechen hatte Albert allmählich das Gefühl, dass die spanischen Wörter immer leichter ihren Weg aus seinem Mund fanden. Er formte all die Laute, die ihm vor seinem Studium noch gänzlich unbekannt gewesen waren, mit der Leichtigkeit und Eleganz eines virtuosen Musikers. Nach sechs Wochen fing Albert an, bei seinen Spaziergängen über das Gebiet der Innenstadt hinauszukommen. Er erkundete zuerst den Norden, dann den Osten und Westen. Eines Tages wählte er eine Strecke, die ihn zum ersten Mal in den Süden der Stadt brachte. Er musste schon etwa drei Stunden unterwegs gewesen sein, da kam er durch eine kleine Straße, die von kalkweißen Mauern gesäumt war. Albert hatte die Straße etwa zur Hälfte durchquert, da begegnete er einem Mann, der an eine der Mauern gelehnt stand und rauchte. Er war mittleren Alters, hatte dichtes, dunkles Haar und einen Schnurrbart. Der Mann zog kräftig an seiner Zigarette und blies den Rauch langsam durch die Nase. Er sah nachdenklich aus. Als Albert an ihm vorüber ging, nickte er dem Mann zu, und dieser erwiderte das Nicken. Er sagte:
„Hello, my friend, what’s your name? Where are you from?” Albert blieb stehen. „Hello“ hatte er verstanden, abgesehen davon sprach er kein Wort Englisch.
„Perdóname, señor. Es que no hablo inglés para nada.” Sein Gegenüber lachte.
„Na, das ist kein Problem, dann sprechen wir Spanisch. Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?“
„Mein Name ist Albert. Ich komme aus Deutschland.“ Der Mann musterte Albert und zog wieder an seiner Zigarette.
„Goethe, Schiller, Thomas Mann. Nicht wahr?“ Albert kannte die Namen, hatte allerdings nichts von ihnen gelesen. Trotzdem nickte er und fragte:
„Und wie heißen Sie?“
„Mein Name ist Gabriel. Ich wohne dort drüben.“ Dabei deutete der Mann mit dem Arm in Richtung eines Hauses auf der anderen Straßenseite, von dem hinter der weißen Mauer kaum mehr als das Dach zu erkennen war. Dann warf er den glimmenden Stummel seiner Zigarette auf den Boden und zerdrückte ihn unter seinem Schuh. „Ich mache gerade Pause von der Arbeit. Mir ist einfach nichts mehr eingefallen!“ Der Mann warf seine Hände theatralisch in die Luft und lachte. Albert fragte:
„Eingefallen? Wozu denn?“ Diesmal nahm Gabriel sich Zeit, zu antworten. Seine tiefen, braunen Augen schauten Albert fest an.
„Zum Magischen. Ich muss das Mögliche ein wenig dehnen. Vielleicht auch mit dem mischen, was eigentlich überhaupt nicht möglich ist.“ Albert trat zögerlich von einem Bein aufs andere. Er hob die Hand und schob mit dem Zeigefinger seine Brille zurecht.
„Was soll das bedeuten?“ fragte er.
„Ich schreibe ein Buch,“ erwiderte Gabriel. Dann wechselte er auch schon das Thema. „Und was bringt Sie so weit weg von Ihrem Land und in meine kleine Straße hier?“
„Nun, ich bin Student. Ich studiere Spanisch und wollte hierherkommen, weil ich die Sprache üben wollte.“ Gabriels Blick hellte sich auf.
„Ah, wie interessant, eine gute Idee. Was wollen Sie mit ihren Kenntnissen nach dem Studium machen? Als Dolmetscher arbeiten? Oder als Lehrer?“
„Da bin ich mir noch nicht ganz sicher, vermutlich werde ich Lehrer,“ antwortete Albert. „Erstmal ist wichtig, dass ich alles über die Sprache lerne. Das ist eine umfangreiche Aufgabe.“ Gabriel nickte verständnisvoll.
„Sie sind auch wirklich hervorragend. Ich habe noch nie einen Ausländer so reden hören. Seit wann studieren Sie unsere Sprache?“ Gabriel brachte aus seiner Hosentasche eine rotweiße Marlboro-Schachtel und ein Feuerzeug zum Vorschein. Gemächlich steckte er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, dann schickte er sich an, sie zu entzünden.
„1918 habe ich angefangen,“ entgegnete Albert. Sein Gegenüber hielt mitten in der Bewegung inne. Verwundert schaute er Albert an.
„1918? 1918 haben Sie angefangen?“
„Genau,“ erwiderte Albert. Gabriel setzte schon zu einer weiteren Frage an, da wurden sie unterbrochen. Nur wenige Meter entfernt öffnete sich mit lautem Quietschen ein großes Tor und ein paar Jungen kamen auf die Straße gelaufen. Sie hatten einen Fußball. Der Vorderste riss den Arm hoch und rief dem mit dem Ball zu, dass er ihn haben wolle. Der Ball wurde prompt in seine Richtung geschossen, verfehlte ihn jedoch knapp und flog zu den beiden Männern. Albert reagierte schneller als Gabriel. Geschickt stoppte er den Ball mit der Innenseite seines Schuhs, lupfte ihn in die Höhe und fing ihn dann mit dem Fuß wieder auf. Die Kinder waren stehengeblieben, blickten ihn erwartungsvoll an. Albert dribbelte voll Übermut auf sie zu, um den ersten Jungen herum, dann auch den zweiten. Behände ließ er mit einer Körpertäuschung die ganze Gruppe, die nun auf ihn zugestürmt kam, ins Leere laufen, führte den Ball in hohem Tempo an ihnen vorbei. Das Spiel wiederholte sich noch zwei-, dreimal, dann gelang es den Jungen, den Ball zurückzuerobern, indem sie sich einfach an Alberts Beine dranhängten und ihn festhielten. Sie johlten vor Freude und liefen die Straße hinunter. Albert musste lachen.
„¡Tramposos!“, rief er ihnen hinterher. Dann ging er zurück zu Gabriel. Der war bester Laune, rauchte und schüttelte kräftig Alberts Hand.
„Fantastisch, Albert fantastisch!“ Albert lächelte. Dann sah er auf seine Armbanduhr.
„Ich denke, ich muss mich verabschieden. Es ist schon spät, und der Weg nach Hause noch weit.“ Gabriel nickte, klopfte ihm auf die Schulter.
„Machen Sie weiter. Adiós.“
Die Sonne war mittlerweile hinter den Wolken verschwunden und es hatte angefangen, zu regnen. Albert stand von der Mauer auf, nahm seine Ledertasche und setzte sich in Richtung Innenstadt in Bewegung. Er musste noch einkaufen gehen, weil seine Mitbewohner später zur Feier des Tages mit ihm kochen wollten. Er beobachtete die Leute um sich herum. Die meisten gingen schnell, wahrscheinlich wollten sie dem Regen entkommen, das konnte Albert verstehen. Und doch überraschte ihn ihre Hast. Es war doch Sommer, der Regen warm und ohne Wind. Albert ging über eine kleine Brücke, die über den Fluss der Stadt führte. Wie oft hatte er diese Brücke wohl im Laufe seines Studiums überquert? Es mussten einige tausend Male gewesen sein. Ein schöner Gedanke, fand Albert. Allerdings zog er unweigerlich einen anderen, schwierigeren nach sich. Ein langes Kapitel in seinem Leben war im Begriff, zu Ende zu gehen und Albert war sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Teils fühlte er sich stolz, teils auch ein wenig traurig. Außerdem stand die Frage im Raum, was als Nächstes kommen würde. Er hatte alles über die spanische Sprache gelernt, was es zu lernen gab. Die Fähigkeiten, die er dabei entwickelt hatte, würden ihm viele Möglichkeiten eröffnen, so hieß es. Er musste sich entscheiden, wie er nun vorankommen wollte. Ob als Übersetzer in einem Verlag oder als Dolmetscher in der Politik. Oder ob er vielleicht doch als Lehrer arbeiten würde. Albert hatte die Fußgängerzone erreicht und ging nun auf der Straße, schaute sich dabei die Fassaden der Häuser an. Stattliche Bauwerke, einige verschnörkelt, andere eher schlicht. Sie erhoben sich vor einem weiten, grauen Himmel, aus dem immer noch Regen auf die Dächer und die Straße fiel. Albert steckte die Hände in die Hosentaschen und begutachtete die nassen, blassroten Pflastersteine auf dem Boden vor sich, während er langsam voranschritt. Als er am Stadthausturm vorüberkam, erklang das Glockenspiel, wie jeden Tag um diese Uhrzeit. Albert blieb stehen und lauschte. Die Musik gefiel ihm.









