Heimlich
Warum so viele Menschen KI im Job nutzen und es niemandem erzählen — und was das über unsere Unternehmen verrät
Dienstagmorgen, Besprechungsraum im dritten Stock. Die Geschäftsführung blättert durch eine Marktanalyse, sauber gegliedert, klug zusammengefasst, mit drei konkreten Empfehlungen. «Hervorragend», sagt der Geschäftsführer. «Wie haben Sie das so schnell geschafft?»
Die Marketingleiterin lächelt. «Ich habe mich am Wochenende hingesetzt.»
In Wahrheit hat sie am Sonntagabend zwanzig Minuten mit einem KI-Programm auf ihrem privaten Handy gearbeitet. Den Rest des Wochenendes war sie wandern.
Fast jeder kennt eine Version dieser Geschichte. Viele haben sie selbst erlebt.
Drei von vier
Im Frühjahr 2024 veröffentlichten Microsoft und LinkedIn ihren «Work Trend Index», eine Befragung von rund 31.000 Menschen in 31 Ländern. Das Ergebnis: Etwa drei Viertel der Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter nutzen bereits generative KI im Job. Von ihnen bringen 78 Prozent ihre eigenen Werkzeuge mit, ohne dass ihr Arbeitgeber sie eingeführt hätte.
Die eigentlich spannende Zahl kommt danach. Mehr als die Hälfte der Nutzer gibt nur ungern zu, dass sie KI für ihre wichtigsten Aufgaben verwendet. Und ein ähnlich großer Anteil fürchtet, durch den Einsatz von KI ersetzbar zu wirken.
Während in vielen Unternehmen noch Arbeitsgruppen tagen, ob und wie man KI einführen sollte, ist sie längst da. Nur redet niemand darüber.
Viele Unternehmen diskutieren noch, ob sie KI einführen sollen. Ihre Mitarbeitenden nutzen sie längst. Nur heimlich.
Das gekaufte Tiramisu
Jeder kennt diese kleine Notlüge vom Abendessen bei Freunden. Das Tiramisu kommt aus der Konditorei, wird aber auf einer eigenen Schüssel serviert. Und wenn jemand fragt, sagt man: «Ach, das geht ganz schnell.»
Warum tun wir das? Psychologen haben dafür einen Begriff: die Aufwandsheuristik. Der Sozialpsychologe Justin Kruger und sein Team zeigten 2004 in mehreren Experimenten, dass Menschen ein Gedicht oder ein Gemälde besser bewerten, wenn sie glauben, dass dafür mehr Zeit und Mühe nötig war. Wir verwechseln Anstrengung mit Qualität.
Genau dieser Mechanismus wirkt bei KI. Forschende der Duke University haben 2025 in Experimenten mit mehr als 4.000 Teilnehmenden untersucht, wie Menschen beurteilt werden, die KI bei der Arbeit einsetzen. Sie wurden als weniger kompetent, weniger fleißig und eher faul eingeschätzt als Kollegen, die dieselbe Arbeit ohne KI erledigten, obwohl das Ergebnis gleich war.
Wer KI nutzt, hat also gute Gründe, es nicht zu erzählen. Die Arbeit wird besser. Der Ruf wird schlechter.
Wir verwechseln Anstrengung mit Qualität. Deshalb verschweigen so viele, wie leicht ihnen gute Arbeit inzwischen fällt.
Das hatten wir schon einmal
Neu ist das Phänomen nicht. Als 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, verboten viele Unternehmen private Smartphones für die Arbeit. Die offiziellen Geräte waren BlackBerrys, alles andere galt als Sicherheitsrisiko. Die Mitarbeitenden lasen ihre Mails trotzdem auf dem eigenen Telefon. Ein paar Jahre später gaben die meisten Unternehmen nach und machten aus dem Verbot eine Strategie mit eigenem Namen: «Bring Your Own Device».
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Mit KI wiederholt sich die Geschichte, nur schneller und mit höherem Einsatz. 2023 fügten Ingenieure eines großen Technologiekonzerns vertraulichen Programmcode in ein öffentliches KI-Programm ein, um Fehler zu finden. Der Konzern reagierte mit einem weitgehenden Verbot solcher Werkzeuge.
Doch Verbote verhindern die Nutzung selten. Sie verlagern sie nur dorthin, wo niemand mehr hinschaut: aufs private Handy, in den Browser zu Hause, an den Sonntagabend.
Was im Verborgenen verloren geht
Das eigentliche Problem der heimlichen KI ist nicht der Datenschutz, so wichtig er ist. Es ist das Wissen, das nie geteilt wird.
Die Marketingleiterin hat herausgefunden, wie man mit KI in zwanzig Minuten eine fundierte Marktanalyse erstellt. Ihr Kollege im Vertrieb verbringt für dieselbe Aufgabe weiterhin zwei Tage. Niemand erfährt davon, weil niemand darüber spricht. Jede und jeder erfindet das Rad für sich allein, im Verborgenen, ohne Austausch.
Dabei wäre gerade dieser Austausch entscheidend. Forschende von Harvard und der Boston Consulting Group untersuchten 2023, wie Beratende mit KI arbeiten. Bei Aufgaben, die der KI lagen, erledigten sie rund 12 Prozent mehr Aufgaben, arbeiteten etwa 25 Prozent schneller und lieferten deutlich bessere Qualität. Bei Aufgaben jenseits dieser Stärken dagegen lagen sie mit KI häufiger falsch als ohne. Die Forschenden sprachen von einer «gezackten Grenze»: Niemand weiß vorher genau, wo KI hilft und wo sie in die Irre führt.
Genau das müsste ein Team gemeinsam herausfinden. Wenn jeder heimlich arbeitet, lernt jeder nur aus seinen eigenen Fehlern. Und die gewonnene Zeit verschwindet unsichtbar im Wochenende, statt dem Unternehmen zugutezukommen.
Heimliche KI spart vielleicht dem Einzelnen Zeit. Dem Unternehmen spart sie gar nichts.
Eine Frage der Führung, nicht der Technik
Laut derselben Microsoft-Studie hat nur eine Minderheit der Nutzer von ihrem Arbeitgeber überhaupt eine Schulung im Umgang mit KI erhalten. Gleichzeitig sagen viele Führungskräfte, dass KI-Kompetenz für sie bei Neueinstellungen inzwischen entscheidend ist. Man erwartet also von den Menschen, was man ihnen nicht beibringt, und wundert sich, dass sie es heimlich lernen.
Ob KI im Verborgenen bleibt oder sichtbar wird, entscheidet sich nicht in der IT-Abteilung, sondern in der Kultur. In einer Kultur, in der Anstrengung mehr zählt als das Ergebnis, wird KI versteckt. In einer Kultur, in der eine Führungskraft im Meeting sagt «Diesen Entwurf habe ich mit KI erstellt, schaut mal, was gut funktioniert hat und was nicht», wird sie zum gemeinsamen Werkzeug.
Der wichtigste Schritt der KI-Transformation ist deshalb kein neues Programm. Es ist die Erlaubnis, darüber zu sprechen.
Vom Verborgenen ins Offene
Bei Kapitelzwei begleiten wir Unternehmen genau an diesem Punkt. In unseren Programmen zu Digital Leadership und KI-Transformation geht es weniger um Werkzeuge als um Haltung: Wie Führungskräfte eine Kultur schaffen, in der Mitarbeitende offen mit KI experimentieren, Erfahrungen teilen und gemeinsam lernen, wo die Grenzen liegen. Und wie aus vielen einzelnen heimlichen Versuchen ein Vorsprung für das ganze Unternehmen wird.
Stellen wir uns den Dienstagmorgen noch einmal vor. Die Marketingleiterin sagt diesmal: «Zwanzig Minuten mit KI. Den Rest des Wochenendes war ich wandern.» Und der Geschäftsführer antwortet nicht mit einem irritierten Blick, sondern mit einer Frage:
«Können Sie das dem ganzen Team zeigen?»
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Isabelle Zbinden ist Co-Gründerin von Kapitelzwei. Kapitelzwei begleitet Unternehmen bei Führungsentwicklung, Management-Diagnostik und KI-Transformation sowie Fach- und Führungskräfte bei beruflicher Veränderung und Neugründung — auf Wunsch auch im Rahmen geförderter Coachings.









